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Dritter Kernwert: Wir wenden uns dem anderen bewusst und wertschätzend zu

Nach dem zweiten grossen Weltkrieg und Millionen von Opfern verkündete die noch junge UNO am 10. Dezember 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. In ihr wurde formuliert, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten sind (Artikel 1 AEMR). Diese Rechte sollten jedem Menschen zustehen, ohne Rücksicht auf Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand (Artikel 2 AEMR).

Die Formulierung der UNO passte gut in diese Zeit, die in den allmählichen Übergang von der Moderne in die Postmoderne fiel. Bisher war Meinungsfreiheit und individuelle Lebensplanung des Einzelnen kein hohes Gut gewesen. Man hatte zwar die vormoderne Zeit mit ihren Monarchen und absolutistischen Herrschern schon lange hinter sich gelassen, aber auch die Moderne war noch von viel Konformzwang und dem Kampf um gesellschaftliche Ideologien mit Absolutheitsanspruch bestimmt. Die Freiheit des Einzelnen galt noch immer wenig und herkömmliche Traditionen bestimmten oft was gut und richtig war. Natürlich ist das sehr plakativ dargestellt, aber es trifft doch die Tendenz.

Doch die UN-Menschenrechtskonvention ist ein gutes Beispiel für den Paradigmenwechsel zur Postmoderne hin. Der revolutionäre Gedanke, dass jeder Mensch frei sein sollte, sowohl in seiner persönlichen Meinung, als auch in der Ausübung seines Lebens und universale Rechte geniesst bekam neuen Aufschub. Nun würde nicht mehr der erhabene Herrscher aus Gottesgnaden oder Diktatoren einer ideologischen Bewegung den Kurs bestimmen, sondern jeder Einzelne. Hier hat jeder die Freiheit und das Recht, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die postmoderne Gesellschaft ist im Idealfall eine Gesellschaft der friedlichen Koexistenz, ein Nebeneinander statt ein Übereinander. Und sie ist eine Gesellschaft, die das Individuum aufwertet.

Ein Wiederaufflackern von Phänomenen der Moderne

Doch dieses Modell hat Risse und Narben bekommen. Ungezügelter Egoismus ist der negative Nebeneffekt der durch die Aufwertung des Individuums entstanden ist. Und viele Menschen wünschen sich wieder Leiter und Regierungen die den Kurs klarer vorgeben. Mit dem Aufkommen des Populismus tauchen Politiker auf, die gerne provozieren. Für nicht wenige Menschen sind sie die starken Anführer, denen sie zunehmend unkritisch hinterher laufen, weil sie sie für die „Retter des Abendlandes“ halten. Auf der anderen Seite bildet auch die Idee eines europäischen Superstaats die Hoffnung, dass ein zentralistischer Staat der Zersplitterung der pluralen Gesellschaft entgegen treten kann. Dabei erweckt die Regierung mit einer Präsidentin, die im Hinterzimmer von einigen wenigen bestimmt wird, nicht gerade so, als ob der Wille des Bürgers wirklich ernst genommen wird.

Doch wie sollen wir nun mit dem ungezügelten Egoismus umgehen? Wie sollen wir mit Ideen und Meinungen umgehen, die wir nicht nur für falsch, sondern sogar für gefährlich halten?

Kann man Toleranz gegenüber Meinungen aufbringen, die die Freiheitsrechte anderer missbrauchen? Ist das dann nicht selbst intolerant, wenn man versucht die Freiheit von Menschen deren Meinung man für gefährlich hält, zu unterdrücken? Ist das nicht wieder ein Rückgriff in einen hässlichen Meinungstotalitarismus, der in der Zeit vor der Postmoderne für so viel Elend gesorgt hat?

Um meine Meinung deutlich zu machen: Ich denke wir machen einen Fehler, wenn der Versuch unternommen wird über die Köpfe von Bürgern hinweg zu regieren. Hier würde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden und die Rückkehr in die Zeit vor der Postmoderne betrieben.

Sozial orientierte Individualität gegen den Individualismus der Postmoderne

Was wir vielmehr benötigen ist eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens, das die persönliche Freiheit aus der Postmoderne integriert. Ich werbe für diesen Ansatz unter anderem in dem Artikel über eine kurze Geschichte gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dort habe ich dafür geworben, die Grunderrungenschaft der Postmoderne, die individuelle Freiheit als einen starken Wert hochzuhalten, doch gleichzeitig das Bewusstsein für unsere Verantwortung untereinander hochzuhalten.

Ich habe überlegt diesen Kernwert „Die Menschheit als Familie verstehen“ zu nennen. Ich habe es dann bleiben lassen, weil ich nicht wollte, dass jemand denkt, ich vertrete eine flauschige „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Theorie.

Doch der Begriff „Familie“ impliziert zumindest etwas, was diese Bewegung zu einem Bewusstsein unserer Verbundenheit (wir sind in einer vernetzten Welt verbunden, ob wir es wollen oder nicht) veranschaulicht. Denn eine Familie, zumindest eine gute, zeichnet etwas Bestimmtes aus, was eine pluralistische Gesellschaft nicht automatisch berücksichtigt. Beziehung!

Beziehung ist ein wesentliches Element einer gesunden Familie. Eine Familie besteht nicht aus einer einzelnen Person, sondern aus verschiedenen Personen die verschiedene Rollen ausfüllen.

Es ist doch ein grosser Unterschied ob ich die Welt als eine Gesellschaft einzelner Individuen mit persönlicher Freiheit betrachte oder als eine Familie, die in Beziehung zueinander steht und in der jeder ein Stück zum gelingenden Miteinander beisteuert. Eine Familie sucht man sich nicht aus (zumindest nicht die Ursprungsfamilie), doch damit es ein harmonisches Miteinander ist, muss jeder einzelner seinen konstruktiven Beitrag leisten.

In einer gesunden Familie legt nicht einfach ein Familienoberhaupt willkürlich fest, was die Agenda ist. Der Zusammenhalt ist nicht auf Konformität und Unterordnung begründet wie das in der vormodernen Zeit und teilweise in der Moderne der Fall war. Stattdessen ist jedem Einzelnen bewusst, dass der Zusammenhalt ein wichtiges Element für ein gutes Zusammenleben darstellt. Der Weg kann immer nur sein, dafür zu werben, dass jeder Mensch seine Mündigkeit als Bürger lebt (das das nicht jeder in gleicher Weise kann ist teilweise natürlich und teilweise eine traurige Sache). So ist das auch ein Aufruf an Menschen aus freien Stücken, nicht von oben verordnet oder gezwungen, in Solidarität, Anteilnahme und Wertschätzung füreinander zu leben.

Von blosser Toleranz zu einem echten Bewusstsein von Wertschätzung

In der Postmoderne haben wir gelernt, Menschen als Individuen mit persönlichen Rechten zu begreifen. Können wir nun den Sprung machen und sehen, dass jeder Mensch auch einen einzigartigen und wichtigen Beitrag zu leisten hat in einer globalen Familie? Wir sollten uns nicht nur tolerieren und gerade so akzeptieren, wir sollten anerkennen, dass wir uns wirklich brauchen und unseren Beitrag ohne den anderen nicht optimal leisten können. Wir brauchen seine Stärken, seine Sicht der Dinge und wir ehren uns in dem wir das anerkennen. Wie bereits im letzten Blogartikel erwähnt, bedeutet das erst einmal Gegensätze wertzuschätzen. Wir müssen weg von unserer egozentrierten linearen Logik, die nur auf unseren eigenen Grundsätzen aufgebaut ist, hin zu einer nicht-linearen Logik. Doch um das zu erreichen, brauchen wir gerade die gegensätzlich denkende Person.

Dabei möchte ich einem möglichen Missverständnis gleich einmal vorbeugen:

Es geht nicht darum, die eigene Meinung aufzugeben oder eine Art Einheitsbrei wertzuschätzen. Es gibt Dinge, die adressiert werden müssen, weil sie nicht hinnehmbar sind und wir müssen – auch durchaus kontrovers – über inhaltliche Themen sprechen. Doch ich habe oft beobachtet, dass eine echte Sachdiskussion nicht möglich ist, wenn wir zu stark in der linearen Logik und unserer eigenen Wahrnehmung gefangen sind.

Toleranz und Akzeptanz sind die Grundwerte für ein friedliches Nebeneinander in der Postmoderne. Toleranz wird allgemein mit dem Dulden oder positiv dem Anerkennen anderer – gerade in ihrer Andersartigkeit – verstanden und ermöglicht Freiheit des Individuums, die grosse Errungenschaft der Postmoderne.

In der aktuellen Zeit reichen diese Grundwerte jedoch nicht mehr aus um die gegenwärtigen Probleme zu lösen. Wenn Toleranz nur als die Duldung anderer anerkannt wird, fordert das nicht von mir mich auf den anderen einzulassen. Toleranz wird stattdessen in immer schrilleren Tönen dazu benutzt um die eigene Meinung gelten zu lassen. Toleranz lässt mir dann die Möglichkeit meine eigene Meinung weiter voll auszuleben ohne mich als ein Mensch zu betrachten, der den anderen benötigt. Toleranz kann dann sogar dazu missbraucht werden, um mich meiner eigenen Grossherzigkeit („ich toleriere dich ja“) zu versichern und mich stattdessen innerlich immer noch über den anderen zu erheben.

Wertschätzung suchen, wo vordergründig nichts erkennbar ist

Das Schlüsselwort für das Miteinander in der Zeit nach der Postmoderne nenne ich Wertschätzung. Echte Wertschätzung sucht im anderen etwas Wertvolles oder zumindest Wichtiges. Und allein die Erkenntnis, dass jeder zumindest potentiell etwas weitergeben kann, von dem ich lernen kann, hilft mir in ihm Wertvolles zu finden selbst wenn es schwierig erscheint. In einem der schmutzigsten US-Wahlkämpfe der Geschichte wurden die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump von einem Zuschauer in einer Fragerunde im Fernsehen gefragt, was sie denn am anderen jeweils schätzten. Clinton antwortete darauf, sie bewundere Trump für seine Kinder, die ein Vorbild für viele Menschen seien. Es fiel ihr offensichtlich schwer, direkt etwas an Trump zu finden, dass sie schätzte, doch sie gab sich Mühe die Frage zu beantworten und fand schliesslich etwas, das sie schätzte. Immerhin ist es ja unbestritten, dass Eltern einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder nehmen, man konnte es also als indirektes Lob werten (Trump erwähnte Clinton gegenüber übrigens ihre Kämpfermentalität). Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie ich mich bemühen kann, etwas wirklich Wertschätzendes an Personen zu finden, mit denen ich sonst gar nichts teile. Und genau so fange ich an, nicht mehr nur das Schlechte und Abstossende am „Gegner“ zu finden, sondern eine positive Verbindung zu suchen.

Der gegenseitige Austausch hört nie auf

Wir wissen seit der Postmoderne, dass unsere Sicht der Dinge relativ oder zumindest ergänzungsbedürftig ist, wir sollten nun endlich anfangen, auch so zu leben. Doch es geht nur durch die Einsicht jedes Einzelnen und einen Schuss mehr Demut.

Um sich dieses Bewusstsein anzueignen ist es aber wichtig, sich stets als ein Lernender zu begreifen. Wir haben es nie ganz begriffen und lernen beständig voneinander.

Das Prinzip, immer eine Lernender zu sein ist ein weiterer wichtiger Kernwert von „Radikal ausgeglichen.“ Ihr dürft also gespannt sein, was darüber im nächsten Artikel zu lesen sein wird.

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