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Vom Umgang mit der Angst

Seit ein paar Wochen hat Corona nun unser Leben und unsere Berichterstattung voll im Griff. Wenn man durch die Fernsehsender zappt oder die Internetnachrichtendienste durchstöbert findet man fast kein anderes Thema mehr. Und oft sind die Nachrichten besorgniserregend. Wie lange werden wir wohl noch in diesem Zustand der sozialen Isolation leben müssen? Was wird sein, wenn die Krise vorbei ist? Kommt dann die Wirtschaftskrise? Und wenn du zur Gruppe besonders gefährdeter Menschen gehörst, wist du vielleicht alarmiert auf die ersten Anzeichen einer Erkrankung reagieren.

Was in diesen Tagen immer wieder hinter den alltäglichen Diskussionen und Gesprächen herauszuspüren ist, ist ein bestimmtes Gefühl:   

Angst.

Es  ist viel darüber geredet worden, wie wir mit der Pandemie umzugehen haben, doch es ist wenig darüber gesprochen worden wie ein guter Umgang mit Angst und Sorgen auszusehen hat. Darum soll es in diesem Blogartikel gehen. Das hat zwar auf den ersten Blick wenig mit den Themenfeldern zu tun die ich sonst so hier behandle, aber es scheint mit im Moment ein so wichtiges Thema zu sein, dass ich dazu einen kurzen Exkurs geben möchte. Immerhin kann man sagen, dass Angst eine starke Kraft ist um eine Gesellschaft zu spalten, womit das Thema vielleicht doch noch einen Bezug zu den eigentlichen Themen dieses Blogs zieht.

Angst äußert sich in Gefühlen

Wie also äußert sich Angst? Wie entsteht sie? Und wie kann man damit umgehen?

Zunächst einmal macht sich Angst durch körperliche Reaktionen bemerkbar. Herzklopfen, erhöhter Puls, Anspannung der Muskeln, ein flaues Gefühl in der Magengegend, Schweißausbrüche und die Unfähigkeit einen klaren Gedanken denken zu können, können Merkmale sein.

Es ist also festzuhalten, dass es zunächst so etwas wie ein Gefühl der Angst gibt. Dieses Gefühl wird durch unsere Körperreaktionen ausgelöst und von uns als negativ empfunden. Ich kann nicht unmittelbar verhindern, dass dieses Gefühl kommt, weil es durch Selbstreaktionen meines Körpers gesteuert wird.

Vier wichtige Punkte im Umgang mit Angst

Damit bin ich auch schon bei meinem ersten Punkt, wie ich mit Angst umgehen kann.

  1. Anerkennen

Ich erkenne an, dass ich Angstgefühle habe. Das tun wir gar nicht so oft. Beobachte einmal wie oft du versuchst, deine Gefühle herunterzuspielen.

 „Ach, ich habe gar keine Angst“ oder „Nein, ich fühle mich gut?“, hört man manchmal nach Situationen die eigentlich zum Fürchten sind.

Meine Gefühle nicht ernst zu nehmen, klingt zwar auf den ersten Moment sehr stark, ist aber erwiesenermaßen kein guter Umgang mit meiner Angst. Denn die Körperreaktionen sind eigentlich Warnleuchten, die uns vor einer Bedrohung schützen wollen.

Stell dir vor, du läufst über eine Straße und siehst ein Auto heranfahren. Der Fahrer sieht dich nicht und du solltest anhalten. Wenn dir dein Körper nicht signalisiert, dass Gefahr im Verzug ist, kann man deine Körperteile danach vielleicht einzeln von der Straße klauben.

Dazu kommt, dass unterdrückte oder ignorierte Gefühle sozusagen „im Körper bleiben.“ Das wiederum kann langfristige körperliche Beschwerden auslösen. Ein dauerhaft hoher Blutdruck zum Beispiel erhöht das Risiko für viele Krankheiten

Darum ist es wichtig Angstgefühle nicht zu verdrängen oder zu unterdrücken, sondern  anzuerkennen, dass sie real sind und zuzulassen. Dass sie real sind heißt allerdings noch nicht, dass sie logisch sind. Gefühle sind selten logisch. Und damit sind wir schon beim zweiten Punkt.

  1. Ursache erkennen

Angst ist oft nicht logisch. Bei Angststörungen ist das am deutlichsten. Aber sind wir mal ehrlich: Wer von uns hat den Angstgefühlen die ich oben erwähnt habe, nicht schon einmal ein Haus gebaut? So wird aus Angstgefühlen eine „anerlernte“ Angst und daraus schließlich Sorge. Ein permanenter Zustand indem wir Angst haben vor Ablehnung, Einsamkeit, Schmerzen, konkreten Dingen – und wenn wir dann auf unser Leben schauen sehen wir dass diese Angst gar nicht begründet ist. Wir haben Angst vor Ablehnung, doch niemand lehnt uns ab. Wir haben Angst vor dem Jobverlust, doch es besteht gar kein Anzeichen, dass dieses Gefühl begründet (im Moment ist diese Angst für manch einen wirklich begründet!)

Die Ursache zu erkennen, kann mir helfen, weniger Angst zu haben, wenn ich erkenne dass meine Angst unbegründet ist und die Gefahr für mein Leben relativ gering ist.

Zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit an dem neuartigen Coronavirus zu sterben, wenn du unter 40 Jahren bist selbst bei den sich ständig ändernden Zahlen durchweg unter 0,5 %! Das ist so als ob du mit 199 anderen Menschen im Raum bist und der Zufallsgenerator zufällig eine Person auswählt. Da fühle ich mich einigermassen sicher…

 Allerdings ist die Angst auch wenn ich sie als unbegründet erkenne zunächst noch real. Auch wenn ich mich gedanklich von meiner Angst distanziere, weil ich sie als unbegründet wahrnehme, wird es eine Weile dauern bis ich das auch so fühle. Das Gute ist, dass sich deine Gefühle deinen Entscheidungen anpassen, allerdings langsam und mit der Möglichkeit durch eine konkrete Situation wieder mit Angst beladen zu werden. So sind unsere Gefühle halt.

Doch dann gibt es auch Ängste, die begründet sind. Es gibt reale Gefahren die uns bedrohen und wir können ihnen nicht entgehen. Was ist, wenn ich eine Krebsdiagnose mit einer schlechten Diagnose bekomme? Wie soll ich mit dem Verlust eines mir nahe stehenden Menschen umgehe? Ich bin arbeitslos geworden und weiß, dass meine Aussichten auf eine Wiedereinstellung wegen fortgeschrittenem Alter schlecht sind? Wie soll ich damit umgehen? Hier möchte ich zu meinem dritten Punkt kommen.

  1. Ein tragfähiges Lebensfundament suchen

Ich hatte in meinem Leben immer wieder das Privileg in  Senioreneinrichtungen  hineinschnuppern zu dürfen. In den Gesprächen mit den Leuten dort, wird dir bewusst, wie wichtig die Frage nach einem Sinn im Leben ist. Die meisten von uns haben ein inneres Bild davon, wie ihr Leben aussehen muss, damit es gelungen ist. Und wir steuern unser Leben immer auf dieses Bild zu.  In meinem Leben ist es mir nun einige Male passiert, dass ich mich auf dieses Bild zubewegt ist, aber es nicht erreichen konnte oder das Glück nur von kurzer Dauer war. Als ich dann noch in den Senioreneinrichtungen einen Einblick in die Lebenswelt von Menschen bekommen konnte, die am Ende ihres Lebens stehen und wo sich die Frage nach der eigenen Lebensbewertung noch viel dringender stellte, habe ich mir die Frage gestellt:

Sind meine inneren Bilder davon, was ein gelungenes Leben ausmacht, wirklich tragfähig in den Krisen des Lebens?  Soll, dass was mich glücklich macht, wirklich das sein, was ich in meinem Leben mit harter Arbeit erreiche aber garantiert loslassen muss, wenn ich ans Ende meines Lebens komme. Im Kosten-Nutzen-Jargon würde man hier die Frage nach der Effizienz stellen.

Doch eigentlich geht es nicht primär um Effizienz. Vielmehr möchte ich mitteilen, was mir wichtig geworden ist:

Das Leben so anzunehmen wie es ist und auf dieser Realität ein Fundament zu bauen und eine Perspektive zu entwickeln, die tragfähig ist.

Was hat das mit Angst zu tun? Fast alle unserer Ängste lassen sich mit Verlust begründen. Verlust einer Lebensphilosophie, Verlust des Arbeitsplatzes, Verlust eines geliebten Menschen, Verlust meines Ansehens und sogar Verlust meines Lebens. Und diese Ängste kann ich reduzieren, vielleicht sogar vermeiden, wenn ich mir früher Gedanken über mein Fundament mache.

Dieser Schritt muss beim Auftreten von Angst natürlich nicht jedes Mal bedacht werden. Es handelt sich hier um eine mehr grundsätzliche Frage.

Doch was kann ich jetzt tun, wenn ich die Schritte eins und zwei getan habe? Damit komme ich zu Punkt vier (der auch der letzte meines Artikels ist).

  1. Fokus auf das was mich Angst vergessen lässt.

Damit unser Körper wahrnehmen kann, dass die Angst unbegründet oder sinnlos ist, fokussiere ich mich auf das was meiner Angst entgegen wirkt.  Natürlich ist es wichtig eine reale Angst anzunehmen und ganz praktisch etwas dagegen zu unternehmen. Doch wenn Angst zu einem Dauerzustand wird, muss sich der Körper daran gewöhnen, dass die Signale die er sendet, den realen Begebenheiten  nicht angemessen sind. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, indem ich einen Spruch oder ein Zitat wiederhole, dass mir Kraft gibt. Oder dass ich meine Gefühle niederschreibe, zu ihnen rede und meinem „Ich“ signalisiere, dass es sich nicht zu fürchten braucht. Oder in dem ich mir Statistiken vor Auge führe, die zeigen wie gering eine Gefahr eigentlich ist. Oder in dem ich mir durch Sport vor Augen führe, dass ich meinen Gefühlen nicht passiv gegenüberstehe. Es geht nicht darum gegen deine Gefühle zu kämpfen. Das ist nicht gut und bringt auch nicht gut.

Stelle dich stattdessen innerlich neben deine Gefühle, betrachte sie wie ein Beobachter und mache dir deutlich, dass sie nicht den Kurs deines Lebens bestimmen.

Wie gehst du mit Angst um? Und hast du auch Dinge gefunden die gegen Angst helfen? Oder hast du noch Fragen? Dann teile sie unten in der Kommentarzeile mit.

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5 Kommentare

  1. Armin Besserer sagt

    Lieber Sascha, was Sie schreiben, hilft mir nicht wirklich.
    Ihr persönliches „religiöses Bekenntnis“, das ja christlich ist, wäre meines Erachtens unter Punkt 3 wichtig und hilfreich.
    Nach dem Lesen des „meditativen Textes“ (unten) dachte ich, es gibt natürlich auch Tsunami-Wellen und dann bist Du weg. Beim 2004-Tsunami gab es 230 000 Tote.
    Mir hilft das Psalmwort: “ Meine Zeit steht in Gottes Händen.“ Psalm 31,16

    • Lieber Herr Besserer, vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Rückmeldungen sind mir etwas sehr Wichtiges, denn sie tragen zur Entwicklung des Blogs bei. Das ist ganz nebenbei der erste schriftliche Kommentar von jemandem auf einen Artikel von mir.

      Zu den einzelnen Punkten:

      Mit dem religiösen Bekenntnis war ich vorsichtig, weil ich mit diesem Blog auch bewusst Menschen ansprechen möchte, die keinen christlichen Hintergrund haben. Ich habe hier aber noch keine eindeutige Linie gefunden, wie ich damit umgehe. Es ist möglich dass der Spagat zu groß ist und ich mich zielgruppenmässig mehr festlegen muss.

      Die Erfahrung mit der Welle habe ich genauso innerlich wahrgenommen. Darum habe ich sie so geschildert. Ich werde mir überlegen, ob er auch ohne das Element der Welle wiedergegeben werden kann. Das weckt dann vielleicht keine unbeabsichtigten Assoziationen.

      Dass er Ihnen nicht wirklich hilft, bedauere ich. Was würde Ihnen denn helfen? (Könnte ein neuer Blogartikel werden, auch wenn ich nichts versprechen kann).

      Wie hilft Ihnen denn das Psalmwort denn in Bezug auf Angst?

      Herzliche Grüße

      Sascha Schmiedl

  2. Armin Besserer sagt

    Lieber Sascha,
    vielleicht war meine Antwort zu negativ. Natürlich sind die Gedanken zur Angst und dem Umgang mit ihr richtig und auch hilfreich. Mir selbst ist aber die Verwurzelung im christlichen Glauben wichtig und hilfreich, gerade dann wenn es um lebensbedrohliche Situationen geht.
    Im Heidelberger Katechismus (um 1563, reformiertes Bekenntnis) heißt es:
    Frage 1
    „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“

    Dass ich mit Leib und Seele
    im Leben und im Sterben nicht mir,
    sondern meinem getreuen Heiland
    Jesus Christus gehöre.

    Er hat mit seinem teuren Blut
    für alle meine Sünden vollkommen bezahlt
    und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst;
    und er bewahrt mich so,
    dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel
    kein Haar von meinem Haupt kann fallen,
    ja, dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss.

    Darum macht er mich auch
    durch seinen Heiligen Geist
    des ewigen Lebens gewiss
    und von Herzen willig und bereit,
    ihm forthin zu leben.“

    Das mag natürlich „alt und traditionell“ klingen, aber es hilft mir in der Tat und gibt mir trotz allem „ein gutes Gefühl“ und gibt Kraft, Gutes zu tun und Böses zu meiden, auf Jesus zu hören und seinem Beispiel zu folgen.
    Auf den Heidelberger Katechismus stieß ich wieder, als im vergangenen Jahr ein guter Freund starb und in den letzten Wochen fragte, was mich/uns im Leben und im Tod letztlich trägt.

  3. Armin Besserer sagt

    Noch ein Kommentar zu unserem Mailkontakt zur Angst:
    Losungswort vom 29. März 2020:
    „Wenn mein Geist in Ängsten ist, so kennst du doch meinen Pfad.“ (Psalm 142,4) .Beim Lesen und Bedenken dieses Losungswortes und des Liedverses im Losungsbüchlein für den 29. März stieß ich auf den Liederdichter Arno Pötzsch (1900-1956) und dann auf die frühere Landesbischöfin Käßmann, die Pötzsch bei ihrer Abschiedspredigt (2010) zitierte:
    „Du kannst nicht tiefer fallen
    als nur in Gottes Hand,
    die er zum Heil uns allen
    barmherzig ausgespannt.“
    Das ist für mich auch ein Wort gegen die Angst. Interessanterweise zitierte Käßmann bei ihrer Einführungspredigt (1999) auch ein Wort zur Überwindung von Angst. Sie schloss mit einem Satz von Heinz Zahrnt: „Glaube ist das herzliche Vertrauen auf Gott als Antwort auf die Angst der Welt.“ (H.Zahrnt war Pfarrer und Theologe und schrieb 1966 das spannende Buch „Die Sache mit Gott“, in meiner Studienzeit ein hilfreiches, orientierendes Buch – wahrscheinlich auch noch heute)
    Die Frage bleibt natürlich, wie ein Mensch zu diesem herzlichen Vertrauen auf Gott als Antwort auf die Angst der Welt kommt.

    • Lieber Herr Besserer,

      ja der Glaube daran in allem von Gott gehalten zu sein ist auch bei mir zentral auf die Frage wie ich mit Angst umgehe. Diese Erfahrung durfte ich in einer persönlichen Lebenskrise 2007/2008 machen und auch danach immer wieder. Das Vertrauen in Gottes Güte ist wohl ein Geschenk, aber doch eines nach dem ich mich ausstrecken darf – so heisst es ja auch schon in den Evangelien „Wer anklopft, dem wird geöffnet.“ In meiner Klosterzeit im Februar habe ich viel kontemplative Literatur gelesen, die mir hilft wie ich immer wieder einen Raum betreten kann, in dem ich mich für Gottes Gegenwart öffne.

      Herzliche Grüsse und bleiben Sie gesund.

      Sascha Schmiedl

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