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Als Jesus nicht politisch korrekt war

Es ist in diesem Blogbeitrag an der Zeit etwas mehr von mir zu verraten. Der Bezug auf Jesus in der Überschrift kommt nicht von ungefähr. Ich betrachte mich als „Christen“. Das ist nicht einfach so, weil ich in der christlich-abendländischen Kultur aufgewachsen bin. Mein Bezug zum christlichen Glauben ist wesentlich stärker. Der christliche Glaube ist vielmehr meine Lebensmitte. Ich verdiene sogar meine Brötchen (und für einiges mehr reicht es auch noch 🙂 ) in einem kirchlichen Kontext.

Warum sind dann grosse Teile meines Blogs ohne christlichen Bezug geschrieben?

Der Grund dafür ist, dass ich nicht nur einem Publikum schreiben möchte, dass ebenfalls in der christlichen Kultur beheimatet ist. Es ist mir ein Anliegen, dass sich jeder in dem was ich schreibe wiederfinden kann.

Christliche Kultur neigt heute leider manchmal zur Ghettoisierung, es gibt eine Menge an Begriffen, die nur von eingefleischten Christen verstanden werden und natürlich vermittelt der christliche Glaube auch ein gewisses Weltbild, mit dem sich Menschen unterschiedlich stark verbunden fühlen. Trotzdem hat sich für mich immer wieder die Frage gestellt: Soll ich in diesem Blog auch christliche Bilder einfliessen lassen, wo ich nicht verleugnen kann, dass ich durch den christlichen Glauben stark geprägt bin? Ich habe mich dazu entschieden zumindest einige Beiträge zu schreiben, in denen mein christlicher Hintergrund sichtbar wird. Gerade weil viele meiner Abonnenten auch Christen sind.

Doch das wird vereinzelt der Fall sein. Die meisten Beiträge werden ohne christlichen Bezug geschrieben sein.

Dieser Artikel wird – wie man an der Überschrift unschwer erkennen kann – ein Beitrag sein, der ein einen christlichen Impuls zu einer Thematik aufnimmt. Und zwar zu Kernwert 5 von „Radikal ausgeglichen“. Hier kannst du meine Gedanken zu dieser Thematik finden.

Als eine Person ohne christlichen Bezug kannst Du nun also entweder aussteigen, oder dich inspirieren lassen, was  die Bibel, das zentrale Buch aller Christen zu diesem Thema zu sagen hat.

Spagat zwischen zwei Kulturen

Nun muss ich sagen, dass es mir fern liegt, die Person Jesus, die vor 2000 Jahren im heutigen Israel gelebt hat, für eine aktuelle politische Debatte zu instrumentalisieren. Jesus lebte in einer Zeit in der Kampfbegriffe wie „Politische Korrektheit“, „Wutbürger“ oder sonstige „nette“ Ausdrücke nicht existierten. Darum glaube ich, dass es verkehrt wäre, nun zu versuchen, zu bestimmen auf welcher Seite Jesus denn in den Debatten dieser Zeit zu finden wäre. Dazu kommt, dass die biblischen Erzählungen über ihn, durchaus den Anschein wecken, dass er die Menschen seiner Zeit auch dadurch verwirrte, dass er sich keiner der politischen Interessensgruppen zuordnen liess.

Was hat mich also dann bewegt, Jesus mit einem modernen Begriff in Verbindung zu bringen, noch dazu mit einem so kontroversen?

Es geht mir darum, mich von biblischen Geschichten inspirieren zu lassen. Geschichten helfen uns manchmal, etwas auszudrücken, das man mit blossen Argumenten nicht so treffend darstellen kann.

Um eine solche Geschichte soll es im Folgenden gehen. Eine Geschichte, in der Jesus nicht „politisch korrekt“ gehandelt hat. Eine Geschichte in der Jesus die ethischen Standards seiner Zeit und die Gefühle einiger Leute verletzt haben mag. Allerdings mit einer bestimmten Intention, die dich vielleicht zum Staunen bringen wird.

Es ist die Geschichte in der Jesus, dem Zöllner Zachäus begegnet (wer eine Bibel zuhause hat findet sie in dem Buch Lukas Kapitel 19 gleich am Anfang).

Von Kollaborateuren und moralischen Unmöglichkeiten

Dort wird geschildert wie Jesus durch die heute noch existierende Stadt Jericho zieht. Eine riesige Menschenmenge begleitet ihn, will ihm nahe sein, seine Aufmerksamkeit gewinnen. Auf die heutige Situation übertragen könnte man sich einen Prominenten vorstellen, der durch eine Stadt läuft. Wenn es eine wirklich sehr bekannte Person ist, würde sich schnell eine grosse Menschenmenge sammeln und ihr hinterher rennen. Jesus hat schon zu seinen Lebzeiten ebenso viele Menschen angezogen. Trotzdem zieht Jesus aus Jericho heraus, er plant offensichtlich nicht in der Stadt zu bleiben und hat wahrscheinlich auch  Einladungen ausgeschlagen, die Nacht in der Stadt zu bleiben.

Da kommt der Menschenzug  an einem niedrigen Baum vorbei. Das Verrückte ist, dass auf diesem Baum ein erwachsener Mann sitzt. Es ist der Zöllner Zachäus. Ein Zöllner war in dieser Zeit kein Grenzbeamter, wie wir das heute kennen. Zöllner waren vielmehr die Steuereintreiber von damals. Das ist heute kein Beruf der einen besonders guten Ruf geniesst und das war damals nicht anders.

Was die ganze Sache aber noch schlimmer machte: Israel gehörte politisch in dieser Zeit zum römischen Weltreich. Die Römer hatten Israel erobert und verwalteten es als Provinz . Dabei ist die  Beziehung zwischen Besetzten und Besetzern aus verständlichen Gründen keine besonders Gute. Wenn wir  in den modernen Begriffen von heute sprechen wollen, waren die Römer die Unterdrücker, die Israeliten dagegen die Unterdrückten, die oft ungestraft diskriminiert werden konnten. Für diese verhassten Unterdrücker trieb Zachäus Steuern von seinen israelitischen Mitbürgern ein. Dabei wird erwähnt, dass Zachäus einen hohen Rang als Beamter hatte und reich geworden war. Ob er beim Einzug der Steuern auch Geld unterschlagen und für sich behalten hatte? Wenn jemand reicher ist als er sein sollte und das offen bekannt war, konnte man sich zumindest seine Gedanken dazu machen! Für Sympathiepunkte unter den jüdischen Bürgern hatte er also den falschen Beruf, den falschen Arbeitgeber und wohl auch die falsche Motivation.

Was macht ein so reicher Beamter auf einem solchen Baum? Der Text erzählt uns, dass Zachäus an Jesus interessiert war und wusste, dass er hier vorbeikommen würde. Doch wenn einer so einen schlechten Ruf hat wie Zachäus, dann wird er sich kaum unters Volk mischen. Viel zu gefährlich!

Also klettert er lieber auf einen Baum etwas abseits der Stadt. Doch leider ist die Menschenmenge immer noch bei Jesus und Zachäus wird gesehen. Es muss eine sehr peinliche Situation sein. Der unbeliebte und stadtweit bekannte Oberzöllner Zachäus sitzt auf einem Baum und gafft verschämt von dort herunter. Wer ihn entdeckte geht aus dem Text nicht hervor, doch was Jesus tut ist bemerkenswert.

Er bleibt stehen und bittet Zachäus vom Baum herunterzusteigen, weil er an diesem Abend bei ihm zu Gast sein möchte!

Das ist die Stelle an der vielleicht klar wird, warum Jesus in dieser Situation nicht „politisch korrekt“ war. Zuerst schlägt Jesus die Möglichkeit in Jericho einzukehren aus. Es ist durchaus anzunehmen, dass ihn viele gerne bei sich zu Gast gehabt hätten. Doch dann kehrt er bei einem ein, der wie kein Zweiter für die Unterdrückung des jüdischen Volkes steht. Autsch! Wie zu erwarten erzählt der Text, dass ein „grosses Murren“ unter dem Volk entstand. Man wird sich vielleicht gefragt haben, welche Loyalitäten  Jesus hatte. War er vielleicht ein verkappter Sympathisant der Römer? Hatte er nicht im Blick, wie zynisch und verletzend das für diejenigen sein musste, denen er noch ihr letztes Erspartes aus der Tasche gezogen hatte? Politisch korrekt war das in keinem Fall.

Die Geschichte geht noch weiter. Sie erzählt, dass Jesus tatsächlich bei Zachäus zu Gast war. Zachäus gab schliesslich in diesem Rahmen ein bemerkenswertes Statement ab: Er wolle die Hälfte seines Besitzes den Armen geben und allen die er um Geld betrogen haben, vierfach zurückerstatten.

Einfach nur Propaganda um seinen Ruf zu polieren? Zumindest nicht aus der Sicht von Jesus, der im Anschluss sagt, dass in Zachäus’ Haus Gutes geschehen sei.

Man darf bei der Geschichte eines nicht aus den Augen verlieren. Jesus ruinierte an diesem Tag seinen guten Ruf um einen Menschen zu ehren, der es nach der Ansicht der Menschen nicht verdient hatte. Und Zachäus wusste das auch. Er wusste, dass er nun in seiner Schuld stand. Er konnte weitermachen wie bisher, aber dann würde er Jesus wohl nie wieder vor die Augen treten können, denn dieser hatte seinetwegen seinen Ruf ruiniert. Oder er könnte reagieren auf diese grosszügige und unerwartete Zuneigung die ihm entgegengebracht wurde. Zachäus entschied sich für das Letztere.

Menschen wertzuschätzen durchbricht soziale Isolation

Das Ziel von „Radikal ausgeglichen“ ist es auf einer Basis des „Miteinanders“ unterwegs zu sein, die von einer grundlegenden Wertschätzung für alle geprägt ist.  Menschenwürde ist ein Wert der in den Menschenrechtskonventionen allen Menschen zugeschrieben wird. Wir sind mühsam dabei zu lernen, dass dieser Wert Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Ethnie, ihrer Herkunft und ihres Status zugeschrieben wird. Jesus schliesst sich dieser Meinung an, wenn er in vielen Geschichten auch Nicht-Israeliten, Frauen (die in einer patriarchalen Gesellschaft diskriminiert wurden) und Armen mit Hinwendung und Barmherzigkeit begegnet (vor der Geschichte mit Zachäus heilt Jesus einen Bettler von seiner Blindheit!)

Doch hier geht Jesus noch über das sozial Erträgliche hinaus. Er begegnet nicht nur dem Unterdrückten mit Barmherzigkeit sondern auch dem der in den Augen der anderen der Unterdrücker war! Das geht Vielen am guten Geschmack vorbei, ist nicht „politisch korrekt“. Und doch war es so wichtig, weil Zachäus sich wohl selbst als einen „Unterdrückten“ sah, als jemandem dem soziale Nähe und Anerkennung verweigert wurde. Jesus ist gerade nicht „politisch korrekt“ um den Panzer der Isolation der sich um diesen Mann gebildet hatte aufzubrechen. Wir brauchen eine gesellschaftliche Vision in der alle Menschen Platz finden können. Welche Antwort haben wir sonst gegen Spaltung in der Gesellschaft?

In vielen Fällen ist eine Integration von Menschen die wichtige Regeln oder auch nur Erwartungen menschlichen Zusammenlebens übertreten schlicht unmöglich. Es würde Geschädigte verhöhnen und von einer grotesken Unachtsamkeit zeugen. Doch diese Geschichte zeigt, wie wichtig es ist soziale Isolation immer wieder zu durchbrechen und Menschen mit einer Würde zu begegnen die unabhängig davon gilt, welche Rolle sie in der Gesellschaft einnehmen.

 Um ehrlich zu sein: Das ist auch für mich ein Weg in dem ich noch nach der „radikalen Ausgeglichenheit“ suche. Doch gerade darum inspiriert mich diese Geschichte immer wieder. Weil sie einen Weg aufzeigt, nach dem ich mich ausstrecken will. Und gerade deswegen bin ich gerne Christ, also einer der sich auf den Spuren von Jesus bewegt.

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