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Sechster Kernwert: Den Weg dorthin wertschätzen

Ein Professor der Mathematik schrieb Folgendes an die Tafel:

1×9 = 9

2×9 = 18

3×9 = 27

4×9 = 36

5×9 = 45

6×9 = 54

7×9 = 63

8×9 = 72

9×9 = 81

10×9 = 91

Erst erscholl leises Gekicher, dann lachten viele der Student*innen los, weil der Professor sich offensichtlich verrechnet hatte.

10×9 = 91!

Irgendwann lachte der ganze Raum.

Der Professor wartete, bis Alle wieder still waren. Dann sagte er:

„Ich habe diesen Fehler absichtlich gemacht, um ihnen etwas zu demonstrieren. Ich habe neun Aufgaben richtig gelöst, und nur einen Fehler gemacht. Statt mir zu gratulieren, dass ich neun von zehn Aufgaben richtig gelöst habe, haben sie über meinen einen Fehler gelacht. Und damit zeigen sie sehr deutlich, wie unser Bildungssystem funktioniert. Und das ist sehr traurig, aber leider wahr. Wir leben eine Fehlerkultur, die dazu führt, dass Menschen verletzt und teils sogar gedemütigt werden, nur, weil sie sich mal irren. Wir müssen lernen, Menschen für ihre Erfolge zu loben, und auch, sie für ihre kleinen Fehler zu schätzen. Glauben sie mir, die meisten Menschen machen viel mehr richtig, als falsch. Und dennoch werden sie nach den wenigen Fehlern beurteilt, die sie machen. Ich möchte ihnen damit nahe legen, dass es gut ist, mehr zu loben, und weniger zu kritisieren. Daraus resultiert nämlich noch so viel mehr. Mehr Zuneigung, mehr liebevolles Miteinander, und weniger Gehässigkeit. In diesem Sinne, kommen sie gut nach Hause.“

Damit nahm er seine Unterlagen und verließ den Saal. Es blieb noch lange recht still nach diesen Worten. Die meisten Studentinnen nickten und sprachen leise über das eben Gehörte. Und nicht wenige von Ihnen haben verstanden, dass die Lektion, die sie gerade gelernt haben, viel wichtiger war, als das Ergebnis von 10×9.[1]

Diese kurze Geschichte soll einen sechsten und letzten Kernwert von „Radikal ausgeglichen“ einleiten, der  mit etwas Abstand und in einer Zeit in der ich mich oft schwach gefühlt habe, entstanden ist.

Es ist für viele in unserer heutigen Gesellschaft zu einem Lebensgefühl geworden, dass das Leben immer besser werden muss, die Entwicklung immer weiter gehen muss und die aktuelle Situation nicht gut ist. Während Fortschritt und Weiterentwicklung in der Moderne und auch in weiten Teilen der Postmoderne noch der letzte Schrei waren und einen sehr positiven Klang hatten klingt sie in den Ohren manches müden Bürgers (respektive mancher müden Bürgerin) wie ein nerviger Imperativ, der ihn/sie mit wütend voranpeitscht.

Wir leben in einer „Verbesserungskultur“ die den Fortschritt zu einem Ziel in sich erhoben hat. So fällt ihr wie in der oberen Geschichte mehr der eine Fehler auf als die vielen richtigen Antworten.

Wir sind so sehr geübt darin auf das fertige Bild zu blicken statt auf die Entwicklung und die Schritte die dorthin geführt haben.

 Was ist dein fertiges Bild?  Eine gerechte Gesellschaft? Eine versöhnte Gesellschaft? Eine Erde mit der ökologisch und nachhaltig umgegangen wird? Eine Familie? Ein bestimmtes Karriereziel?

Doch die spannendere Frage ist: Was machen wir wenn wir das Bild nicht so einfach in die Realität umsetzen können?

Wie gehen wir mit uns selbst um wie gehen wir mit anderen Menschen um?

Im oberen Beispiel wird über den Lehrer gelacht. Eine Menge anderer heftiger Reaktionen kann auch beobachtet werden. Sowohl gegen sich selbst als auch gegen andere.

Was passiert wenn wir nicht mehr nur auf das fertige Bild schauen sondern auch auf den Weg der zu dem Ziel hinführt?  Wertschätzen wir nicht nur den einen sichtbaren Schritt, sondern auch den Weg dorthin?  

Radikal ausgeglichen verachtet nicht konkrete Ziele und messbare Resultate. Doch es macht sich den Weg dorthin angenehmer indem es den Weg wertschätzt auf dem Menschen eine Entwicklung machen, wenn sie trotz fehlender Resultate trotzdem an eine bessere Welt glauben und dabei gleichzeitig geduldig mit sich und ihren Mitmenschen umgehen. Dann behalten sie das Ziel im Auge und verachten trotzdem nicht den Weg. Sind sachorientiert und zugleich nah am Menschen. Klingt das irgendwie radikal ausgeglichen zwischen zwei Extremen? Dann hat der Blog wieder einmal sein Ziel erfüllt, zwischen Bewahrendem und Neuem zu vermitteln.


[1] Quelle: fb-Seite „Talking Heads“, 14. Juli

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