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Eine kurze Geschichte des sozialen Zusammenlebens

In der modernen westlichen Welt sprechen wir oft davon, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben. Damit ist gemeint, dass wir in einer Welt leben, in der sowohl Menschen mit höchst unterschiedlichen Lebensentwürfen als auch mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Ansichten leben. Wenn du wie ich zur eher jüngeren Generation gehörst, wird dir diese Vielfalt ganz normal vorkommen. Die Möglichkeit unter Tausenden Berufen den passenden auswählen zu können ist genauso gewöhnlich, wie Menschen aus anderen Kulturkreisen auf der Straße zu begegnen. Und auch dass ich hier immer wieder von „meiner Meinung“ oder „meiner Beobachtung“ geschrieben habe, scheint uns sehr natürlich. Doch das war nicht immer so. Ich will mit diesem Artikel einen Überblick geben, durch welche Gedanken unser heutiges Verständnis sozialen Zusammenlebens geprägt ist. Dabei werden wir einige der Grundwerte, die unsere Gesellschaft ausmachen, neu wertschätzen können, doch auch entdecken, welche Schwächen unsere heutige Vorstellung gesellschaftlichen Zusammenlebens hat. Schnall dich an, denn wir zoomen jetzt etwa 500 Jahre zurück, in eine Zeit in der Menschen in vieler Hinsicht anders lebten als heute.

Uniformität in der vormodernen Zeit

Noch vor 500 Jahren war unsere Kultur weit weniger plural und indivdiuell als sie es heute ist. In vormoderner Zeit (also noch vor etwa 1750) war das mit dem gesellschaftlichen Zusammenleben weit weniger komplex als heute. Grob gesagt bestimmte der Monarch welche Meinung die richtige war. „Der Staat bin ich“ sagte zum Beispiel der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. , der über Frankreich von 1648 bis 1715 herrschte, ohne dass ihn irgendjemand kontrollierte. Den Bürgern kam es nicht in den Sinn irgend etwas zu hinterfragen, was der König sagte. Natürlich gab es auch schon damals Freidenker und Oppositionelle, doch diese lebten in der Regel in großer Gefahr. Ebenso kritisch war es in jener Zeit der Kirche zu widersprechen. Europa war im Wesentlichen eine Ständegesellschaft, in der man in einen Beruf hineingeboren wurde. Frauen waren sowieso nicht erwerbstätig, sondern für die Erziehung der Kinder zuständig. Der christliche Glaube römisch-katholischer Ausprägung war das vorherrschende Weltbild (Nur bis ins 16. Jahrhundert, danach war der protestantische Glaube nahezu gleich prominent vertreten). Und die Monarchie war das einzige politische Modell und der König eingesetzt aus Gottes Gnaden. Die Regeln waren einfach und simpel, doch bevorzugten sie die Oberschicht und unterdrückten die große Mehrheit der einfachen Bürger. Natürlich ist das alles sehr plakativ dargestellt und ich möchte hier auch nicht generalisieren. Es gab damals auch Ausnahmen von der Regel. Doch man kann mit Sicherheit davon sprechen, dass in der vormodernen Gesellschaft sowohl in Bezug auf den persönlichen Lebensentwurf als auch in der persönlichen Weltanschauung grosse Homogenität (Gleichförmigkeit) herrschte.

Das „Entweder-Oder“ der Moderne

Allmählich setzte jedoch eine stärkere Pluralisierung in der Gesellschaft ein. In der Epoche, die die Moderne genannt wird (ca. 1750 – 1950) begann eine Zeit des Hinterfragens der vorherrschenden gesellschaftlichen Struktur. Die Zeit der Forscher brach an, die zunehmend althergebrachte Dogmas infrage stellten. Und die Philosophen der Aufklärung (Voltaire, Rousseau, Locke; wirkten schon vor der klassischen Moderne, doch beeinflussten sie nachhaltig) kritisierten die Aufteilung der Gesellschaft in Stände, die das Leben des Einzelnen stark festlegten. Durch die Französische Revolution wurde die Idee von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu einem massenweiten Gesellschaftsideal und einem Schreckgespenst für viele europäische Monarchen. Am Besten beschreibt vielleicht das von Hoffman von Fallersleben veröffentlichte Lied „Die Gedanken sind frei“ die Emanzipation der Meinungsbildung des einfachen Bürgers, der sich nicht mehr mit der Alternativlosigkeit der vormodernen Vorstellung von Gesellschaft begnügte. Die Moderne veränderte die Gesellschaft zur Freiheit des eigenständigen Denkens. Das war also ein erster Fortschritt in Richtung einer pluralen Gesellschaft. Doch noch waren zumindest im Bereich des Lebensstils viele konventionelle Bilder vorhanden (z.B. Geschlechterrollen). Und noch glaubte man an die eine große, zusammenhängende Theorie, die die Welt erklären würde. Der Sozialismus wie auch der Nationalismus entstanden als rivalisierende politische Bewegungen. Der erstere glaubte daran, dass das Übel der Welt in der Unterdrückung der Arbeiterschicht durch die Mächtigen lag und Freiheit durch die „Befreiung des Proletariats“ von den Unterdrückern kommen würde. Der Nationalismus glaubte, dass das Übel der Welt dagegen in der Zersplitterung der Nation zu finden sei und die Einheit und der Einsatz für die Nation die oberste Priorität haben sollten. Nationalisten und Sozialisten bekämpften sich bis aufs Blut. Der Zweite Weltkrieg war auch ein ideologisch geführter Krieg nationalistischer Nationen (Deutschland, Italien) gegen sozialistische (Sowjetunion). Daher kann man sagen, dass die Moderne sehr stark von den Grabenkämpfen des „Entweder – oder“ konkurriender Weltbilder geprägt war. Wo in der Vormoderne noch viele Menschen von der einen konkurrenzlosen absoluten Wahrheit überzeugt waren, war man nun in dem Konflikt dass es mehrere Überzeugungen gab, die den Anspruch hatten die Wahrheit abzubilden. Man hatte also erreicht, dass Meinungsaustausch und das Entstehen einer pluralen Gesellschaft erst möglich geworden waren, doch der Umgang mit unterschiedlichen Meinungen war oft destruktiv – bis hin zum grausamen ideologischen Krieg.

Zusammengefasst waren Vormoderne und Moderne von folgenden Merkmalen geprägt.

VormoderneModerne
Universale Wahrheit weitgehend unhinterfragtEntstehende Pluralität durch konkurrierende Weltbilder und Gesellschaftsentwürfe
UniformitätVielfalt verschiedener Gruppen
Keine Diskussion um richtig oder falsch"Ich habe recht und du hast unrecht"

Individualität und Relativismus der Postmoderne

Nach dem zweiten Weltkrieg begann ganz schleichend eine neue Epoche, die Postmoderne, die von vielen als die gegenwärtige geistesgeschichtliche Epoche gesehen wird. Der Philosoph Jean-Francois Lyotard charakterisierte die Postmoderne als eine Ablehnung gegenüber den „großen zusammenhängenden Erzählungen“. Zwei Weltkriege erschütterten den Optimismus der Gesellschaft in eine verbindende und alles vereinende gesellschaftliche Theorie. Die Postmoderne bezweifelte dass es die eine überlegene Theorie für ein gelingendes Leben und Zusammenleben gab. Sie anerkannte dass das Leben viel zu komplex ist, um es in einer einfachen Erlösungstheorie für alle zusammen zu fassen. Stattdessen radikalisierte sie das Pluralisierungsprojekt der Moderne. Hatte die Moderne überhaupt erst die Möglichkeit einer alternativen Gesellschaft angestoßen, so wurde die Pluralität nun eine Angelegenheit jedes Einzelnen. War in der Moderne noch weithin ein konventioneller Lebensstil aufrecht erhalten worden, so entstand in der Postmoderne die Multi-Options-Gesellschaft, in der es nicht mehr den einen klassischen Lebensstil gab. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ hieß es nun. Verschiedene Möglichkeiten in Bezug auf Berufswahl, Familienplanung und Ernährungsweisen waren möglich. Und der amerikanische Traum, ausgedrückt in der Redewendung „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist vielleicht ein gutes Beispiel dafür wie der Einzelne in der Postmoderne sein Glück in die eigenen Hände nahm. Welch ein Unterschied dagegen zur Ständegesellschaft früherer Zeiten! Doch auch die Weltanschauung und die daraus abgeleiteten Werte wurden nun eine Angelegenheit jedes Einzelnen. Das führte zu der vorherrschenden Meinung, dass die Erkenntnis des Einzelnen relativ ist. Meine Erfahrung und meine Ansichten sind für mich gültig, aber für dich vielleicht wieder ganz anders. Was für den einen richtig war, konnte für den Nächsten völlig falsch sein. In der Frage des Umgangs mit unterschiedlichen Meinungen und Ansichten war das ein Fortschritt zur Moderne: Hatte man in der Moderne noch hart um die Wahrheit gekämpft, so war nun die Meinung des anderen kein Grund zum Streiten. Wenn alles relativ und nicht absolut sicher ist, besteht ja kein Grund mehr für den man kämpfen muss. Der Pragmatismus der Postmoderne sagt einfach „Alles ist okay“ (ja, das ist wieder sehr plakativ aber es hilft uns die Grundüberzeugungen unserer Welt zu verstehen). Somit besteht auf der Grundlage der postmodernen Theorie eine niederschwellige Basis gegenseitigen Respekts. „Lass mich in Ruhe, ich lasse dich auch in Ruhe.“ Die zweite grosse Errungenschaft der Postmoderne (nach der Errungenschaft der friedlichen Koexistenz) aber ist die Freiheit des Individuums. Der Einzelne kann sich nun (idealerweise) ohne gesellschaftliche Konventionen frei entfalten und selbst verwirklichen.

Wir können nun unsere Tabelle mit einer Spalte für die Postmoderne erweitern:

VormoderneModernePostmoderne
Universale Wahrheit, weitgehend unhinterfragtEntstehende Pluralität durch konkurrierende Weltbilder und GesellschaftentwürfeIndividuelle Pluralität
UniformitätVielfalt verschiedener GruppenIndividuelle Vielfalt
Keine Diskussion um richtig oder falschIch habe recht und du hast Unrecht. Es gibt kein richtig oder falsch

Die Krise der Postmoderne

Wenn du bis hierher durchgehalten hast, herzlichen Glückwunsch. Nun sind wir wieder in unserer Zeit, im 21. Jahrhundert angekommen und können der Frage nachgehen, was die Gründe sein könnten, dass Streit und Spaltung gerade wieder so zunehmen. Wir leben also in einer Gesellschaft in der jeder versucht, seine Vorstellungen vom Leben zu verwirklichen. Das geht von Beruf, über Familie bis hin zum Privatleben. Wir haben die Freiheit unter unzähligen Optionen zu wählen und wir haben akzeptiert das das bei jedem Menschen anders aussieht (jedenfalls haben wir es weitgehend akzeptiert, natürlich gibt es immer noch Beispiele von Diskriminierung und Ausgrenzung).

Wie kann es sein, dass diese Sicht des Zusammenlebens zu Spaltung und Streit führt?

Ich möchte es vorwegnehmen und dann genauer darauf eingehen: Uns fehlt eine Einstellung gegenseitiger Verbundenheit.

Schauen wir ein einfaches Beispiel an: Wenn ich in dem Supermarkt einkaufe, der die niedrigsten Preise hat, diese aber nur durch eine Unterbezahlung seiner Mitarbeiter erreichen kann, dann fördere ich die niedrig bezahlenden Arbeitgeber und trage Mitverantwortung zur Not der Angestellten. Hier kommt es also zum Konflikt weil die Interessen des anderen (guter Lohn) durch meine (niedrige Kosten) eingeschränkt werden. Das ist ein gutes und auch relativ bekanntes Phänomen, das uns die Verbundenheit aufzeigt, die ich oben erwähnt habe. Wir sind keine Gesellschaft isolierter Individuen, sondern eine Gesellschaft die untrennbar miteinander verbunden ist. Am deutlichsten wird es in den ökologischen Fragen, denn die Natur macht nicht Halt vor Grenzen des Einzelnen und nicht einmal Ländergrenzen können sie aufhalten.

Was man nun tun kann um diese Interessenskonflikte praktisch zu lösen, darum machen sich bereits viele Politiker und andere Menschen Gedanken. Mein Ziel ist es, zu zeigen wie sich unsere Einstellung und alltägliche Haltung ändern muss, wenn wir der Verbundenheit in die wir gestellt sind – ob es uns passt oder nicht – gerecht werden wollen.

Sozial orientierte Individualität

Die geschilderten Interessenskonflikte helfen uns eine neue Perspektive für das gesellschaftliche Zusammenleben einzunehmen. Ich möchte sie so formulieren:

Meine Bedürfnisse sind wichtig aber die der anderen auch. Und meine Sichtweise ist wichtig aber die der anderen ebenso.

Die Errungenschaft der Postmoderne ist die Befreiung des Individuums, die es wert ist beibehalten zu werden. Es wäre ein Rückschritt, wieder in eine Zeit der staatlichen Bevormundung zurück zu gehen, wie wir sie in der Vormoderne und zum Teil in der Moderne hatten. Leider gibt es heute eine zunehmende Menge an Leuten die sich eine „starke“ Politik wünscht und damit wieder den Staat ihr Leben bestimmen lässt. Doch während wir die Wertschätzung des Individuums beibehalten, eignen wir uns eine Perspektive an, die die das Wertesystem des anderen anerkennt und wertschätzt. Diese Perspektive die sowohl sich selbst, als auch den anderen wertschätzt bezeichne ich als „sozial orientierte Individualität“. Vielleicht denkst Du jetzt: „Das ist aber anstrengend. Ich muss schon schauen wie ich überhaupt über die Runden komme und jetzt soll ich auch noch an den anderen denken.“ Ich sage dir: „Dann denkst Du schon wieder nur aus deiner eigenen Perspektive!

Jetzt stell Dir stattdessen vor, du wirst bei wichtigen Entscheidungen am Arbeitsplatz, in der Familie oder unter Freunden immer gefragt: „Was denkst Du dabei?“ oder „Was ist Dir wichtig?“ Wie anstrengend wäre es in einer solchen Gruppe das Gleiche zu tun? Auf einmal muss ich nicht mehr ständig versuchen, mich durchzusetzen, weil Menschen mich und meine Bedürfnisse ernst nehmen. Die kritische Phase bei einer neuen Vision ist oft der Anfang. Es muss jemand beginnen, diese Vision zu leben. Dann wird es für die Nächsten schon einfacher, dasselbe zu tun. Einer muss immer anfangen. Und dieser Blog kann der Anfang sein, dass sich Gleichgesinnte finden!

Was heisst das für die Tabelle, die wir nach jeder geistesgeschichtlichen Episode aufgestellt haben?

Wo das Schlagwort der postmodernen Gesellschaft „Pluralität“ sein könnte, wäre es nun eher „Partikularität“. Pluralismus geht von der Koexistenz vieler unterschiedlicher Meinungen und Lebensentwürfe nebeneinander aus. Doch diese müssen nicht notwendigerweise in Beziehung zueinander stehen. Das Leben ist bunt und vielfältig, doch die Verbundenheit der Individuen untereinander wird nicht berücksichtigt.

Partikularität indes beschreibt einen Teil in einem grossen Ganzen. In der neuen Perspektive ist jedes Teil (jede Person, jede Meinung, jedes Argument) enorm wichtig, weil das große Ganze nicht komplett ist, wenn nur ein einzelnes Teil fehlt! Doch zugleich ist jeder Teil abhängig und in Beziehung zu den anderen Teilen. Man könnte es auch mit den Zutaten für ein Gericht vergleichen: Ein Gericht hat viele unterschiedliche Gaben und dass macht das Gericht erst richtig gut! Eine Zutat allein macht noch kein Gericht, doch wenn auch nur eine Zutat fehlt, leidet bereits die Qualität des Gerichts. Auf die Gesellschaft betrachtet bedeutet das: Der Einzelne ist extrem wichtig doch unsere Bedeutung wird erst dann sichtbar, wenn wir erkennen, dass wir in Beziehung zueinander gestellt sind und einander benötigen. Das ist mit Partikularität gemeint.

Gibt es in dieser Sichtweise wieder richtig und falsch? Ein „Richtig und falsch“ wie es das in der Moderne und davor betrachtet wurde, gibt es weiter nicht. Das würde bedeuten, dass es Menschen gibt die die Wahrheit vollständig erkannt haben und andere nicht. Doch man könnte sagen, dass „Richtig“ dass ist was sichtbar wird, wenn alle Teile ihre Sichtweise einbringen. Eine umfassende, alles erklärende Gesellschaftstheorie kann nur eine sein, die jeden Einzelnen integriert und berücksichtigt. Die Begabungen, Erfahrungen und Sichtweisen jedes Einzelnen sind dann ein unverzichtbarer Teil eines Mosaiks die das abbilden, was wir „Wahrheit“ nennen. Ich fasse also zusammen:

VormoderneModernePostmoderneEpoche X
Universale Wahrheit oft weitgehend unhinterfragtEntstehende Pluralität konkurrierender Weltbilder und GesellschaftsentwürfeIndividuelle PluralitätPartikularität
UniformitätVielfalt unterschiedlicher GruppenIndividuelle VielfaltVielfalt integriert in einem grossen Ganzen
Keine Diskussion um richtig oder falschIch habe recht und du hast unrechtEs gibt kein richtig oder falschIch brauche dich und du brauchst mich um richtig und falsch zu erkennnen.

Radikal ausgeglichen bemüht sich darum, Gutes zu bewahren und weniger Gutes zu reformieren. Der Blog setzt sich dafür ein, die Errungenschaften von Moderne und Postmoderne – Respektierung der Meinungsfreiheit und individueller Lebensgestaltung des Individuums (solange dieses die Rechte anderer Menschen nicht verletzt!) erhalten bleiben. Gleichzeitig tritt der Blog für eine grösseres Verständnis der Ergänzungsbedürftigkeit der Perspektive jedes Einzelnen ein. Wir wollen selbstbewusst aber empfindsam für die Perspektive des anderen in die Zukunft gehen.

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