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Lässt du dich immer wieder überraschen?

Es ist mal wieder an der Reihe einen der Kernwerte mit biblischem Material zu unterfüttern. Hier findest du den ersten Kernwert den ich von einer biblischen Seite betrachtet habe. Heute werde ich mich mit dem vierten Kernwert näher beschäftigen. Mit ihm trete ich für eine Haltung ein, die immer wieder offen ist, dazu zu lernen und die eigene Sicht der Dinge zu erweitern.

Dieser Kernwert ist meines Erachtens eng mit der christlichen Botschaft verbunden obwohl die Kirche diesen Wert in ihrer fast zweitausendjährigen Geschichte nicht immer vorbildlich gelebt hat. Denn man muss ehrlich gestehen: Nicht selten ist die Kirche als eine Grösse gesehen worden, die auf der Seite der bewahrenden Kräfte gestanden hat. Viele Kreise der Kirche haben sich in der entstehenden neuzeitlichen Kirche gegen wissenschaftliche Entdeckungen gestellt, die sie als Gefährdung ihrer Theologie sahen.

Der Prozess der römisch-katholischen Kirche gegen Galileo Galilei, bei dem es darum ging, ob sich die Erde um die Sonne dreht, oder anders herum, ist eines der Beispiele bei dem die Kirche so sehr an ihren alten Überlieferungen festhielt, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, falsch zu liegen.

In der Bewegungen der Arbeiter und der einfachen Leute für mehr Rechte gegenüber den Adligen in Europa stand die Kirche oft auf der Seite der etablierten Kräfte anstatt sich für gerechtere soziale Verhältnisse einzusetzen.

Und auch heute gibt es christliche Bewegungen, die sich Neuem bewusst widersetzen: Zum Beispiel lehnt eine erhebliche Gruppe an Christen in Amerika die Evolutionstheorie entscheiden ab. Es stimmt wohl immer noch: Das Image, dass sich die Kirche in der westlichen Welt gibt wirkt wohl auch heute bei vielen Beobachtern mehr konservativ als progressiv. Dass sich dieses konservative Image nun durch viele Jahrhunderte hinzieht ist schon bemerkenswert, gerade deswegen weil die Anfänge des christlichen Glaubens mit einer erstaunlichen Reform des herkömmlichen jüdischen Glaubens dieser Zeit einhergingen.

Eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit

Lass mich einen Ausflug an Zeit und Ort der Entstehung des christlichen Glaubens machen und ein bisschen von der Kultur und Religion erzählen, in der die christliche Bewegung ihren Ursprung nahm.

Der christliche Glaube entstand ab 30 als eine Reformbewegung innerhalb des jüdischen Glaubens. Dabei betrachteten die ersten Christen Jesus Christus als eine von Gott gesandte Figur, die schon lange in ihren heiligen Schriften angekündigt worden war. Jesus hatte Gottes Willen aufgezeigt durch sein Leben und Handeln, seine Zuwendung für die Armen und Unterdrückten, für die er sich einsetzte und die er an Körper und Seele gesund machte. Jesus erlaubte sich das jüdische Gesetz neu auszulegen und sah die Liebe gegenüber dem Mitbewohner als das wichtigste Gesetz an.

Mit dieser Haltung wandte er sich stark gegen traditionelle Lehrmeinungen und auch gegen die oberste jüdische Glaubensbehörde dieser Zeit. Das brachte ihn in heftigen Gegensatz zu den jüdischen Glaubensautoritäten seiner Zeit, die ihn kreuzigen liessen, weil er behauptete in göttlicher Autorität zu handeln was gotteslästerlich war. Seine Nachfolger blieben in scharfer Abgrenzung zum jüdischen Mainstream, auch deswegen weil sie der Überzeugung waren, dass Jesus von Gott von den Toten auferweckt worden war. Damit unterstrichen sie ihre Überzeugung dass Jesus von Gott gesandt war. Dies könnte nun ein völlig uninteressanter Streit um die Auslegung des jüdischen Gesetzes und der jüdischen Schriften sein, doch es ist wichtig zu sehen, dass sich die meisten Anhänger von Jesus auch zehn Jahre nach der Kreuzigung Jesu noch immer als Juden sahen! Sie sahen sich weiterhin in der Tradition des jüdischen Glaubens die sich durch den Auszug aus Ägypten durch Mose und der jüdischen Glaubensüberlieferung, der Tora begründeten. Sie sahen Jesus als Reformer des Judentums, jedoch in der Tradition des Judentums. Und das hiess, dass man einer Menge Sitten des jüdischen Glaubens nachging.

Wider die Gewohnheit

In der Bibel wird uns nun eine Geschichte erzählt die ziemlich genau in diese Zeit hineinspielt. Der Jesus-Nachfolger Petrus, einer der engsten Begleiter von Jesus zu seinen Lebzeiten wird von einem römischen Hauptmann namens Kornelius eingeladen, ihm und seinem Hausstand von diesem Jesus zu erzählen. Es wird davon berichtet dass Kornelius bereits ein Anhänger des jüdischen Glaubens war, jedoch war er nicht beschnitten, was für jeden männlichen Juden ein Zeichen der Glaubenszugehörigkeit war. Der Kerl sympathisierte mit dem jüdischen Glauben doch er hielt es lieber unverbindlich. Und mit Jesus hatte er bislang gar nichts am Hut. Doch nun lud er Petrus ein, ihm von diesem Jesus zu erzählen.

Das brachte Petrus in ein ziemliches Dilemma. Denn als Jude war es Petrus eigentlich nicht gestattet, das Haus eines Nichtjuden zu betreten. Für uns klingt das heute ziemlich rückständig, aber so war es damals nun mal üblich. Es war eben eine der jüdischen Sitten zu dieser Zeit.

Nun passiert etwas ziemlich Komisches: Petrus hat eine Vision in der ihm deutlich gemacht wird, dass kein Mensch wegen irgendwelcher Traditionen „unwürdig“ war, besucht zu werden. Wie das mit dieser Vision genau vor sich ging, will ich hier nicht näher beschreiben, doch man kann es in der Bibel nachlesen (in der Apostelgeschichte im zehnten Kapitel).

Das eigentlich Interessante: Gott zeigt Petrus in einer Vision, dass er sich nicht mehr an einen Brauch halten sollte, von dem Petrus glaubte, dass er von Gott war!

Doch das war noch nicht alles. Es heisst, während Petrus das erzählte, „fiel“ der Heilige Geist auf Kornelius und alle dort waren und sie begannen „in Sprachen zu beten.“ Vielleicht denkst du dir „Was um Himmels willen ist das jetzt“`? Das ist sehr verständlich. Doch für Petrus war das nichts Ungewöhnliches. Denn er selbst hatte kurz nach den Ereignissen die zu Jesu Tod und Auferstehung führten in einer Gebetszeit mit anderen Anhängern von Jesus ein „Durchbrucherlebnis“ bei dem alle dort anwesenden auf einmal in einer unbekannten Sprache redeten und sich trotzdem verständigen konnten. Es war für sie Zeichen, dass Gottes Geist mit ihnen war und dass er auch ohne Jesus mit ihnen gehen würde! Unser heutiges Pfingstfest geht auf dieses Ereignis zurück.

Doch etwas anderes war für Petrus sehr ungewöhnlich: Dass der Geist Gottes („durch das Reden in Sprachen“) auf Menschen kam, die nicht verbindliche Mitglieder des jüdischen Glaubens waren! Er und die anderen Anhänger waren ja Juden gewesen, doch dieser römische Hauptmann war ja bestenfalls Symapthisant.

Nun schien der Gott, der nach ihrem Verständnis ein Gott der Juden war, ein Gott für alle zu sein! Gott war nicht nur mit ihnen, sondern auch mit dem römischen Hauptmann und seinem Hausstand. Das verändert die Perspektive dann doch ein bisschen :). Ohne diesen Erkenntnisschritt hätte der christliche Glaube wohl kaum die globale Verbreitung von heute. Er wäre eine Sonderströmung innerhalb des jüdischen Glaubens geblieben.

Dient es dem Leben?

Das Interessante dabei ist: Dies geschah etwa zehn Jahre nach Tod und Auferstehung von Jesus die ja schon einmal feste Überzeugungen der Nachfolger Jesu völlig veränderte. Stell dir vor, du hast eine Erkenntnis die dein Leben völlig verändert. Du denkst, du hast nun den Durchblick, du weisst nun endlich worum es geht. Wie schnell passiert es, dass wir uns an dieser einen Erkenntnis festhalten und denken wir haben den Plan des Lebens verstanden. Bei den Nachfolgern von Jesus war das anders. Nur zehn Jahre nachdem ihr Leben durch das Leben von Jesus komplett auf den Kopf gestellt worden war, wurde ihr Weltverständnis schon wieder auf den Kopf gestellt. Die Jesus-Bewegung war in ihren Ursprüngen eine ziemlich progressive, reformorientierte Bewegung!

Durch die Zeiten hindurch wurde Kirche dann immer mehr als etwas bekannt, dass versuchte seine Lehre ja nicht zu verändern und es gibt viele Christen, die denken, wenn sie den christlichen Glauben verstanden haben, dass sie im Prinzip den Durchblick über alles Wesentliche haben. Dies steht in ziemlich krassem Widerspruch, zu den ersten Christen, die sich immer wieder neu überraschen liessen und offen waren, ihre Überzeugung zu korrigieren, wenn die Zeichen dafür überdeutlich war.

Dies bedeutete nicht, dass sie ihre Überzeugung, dass Jesus wegen und damit auch für ihre Schuld gestorben war und dass er auferstanden war korrigierten. Es bedeutet auch nicht, dass „konservativ“ immer schlecht ist! Beileibe nicht! Die Frage ob ich mich in einer Sache „konservativ“ oder „progressiv“ verhalte ist die: Welchen Zweck hat meine Überzeugung? Auf welchem Weltbild und welchen Vorstellungen ist sie gegründet? Ich möchte Entscheidungen treffen, die dem Leben in all seinen unterschiedlichen Dimensionen dient und ich bin überzeugt, dass das auch Gottes Intention ist (wenn er mich da anders überzeugt, korrigiere ich gerne mein Denken von ihm doch werde ihn nicht mehr vertreten).

Egal ob wir uns dem christlichen Glauben verbunden fühlen oder nicht: Was sind die tiefgreifenden Überzeugungen die wir glauben und die wir vielleicht einmal auf den Prüfstand stellen müssen? Wenn es darum geht, einander näher zu kommen und auf eine gute Weise miteinander zu leben müssen wir manchmal einige Tabus antasten um den Mitmenschen wirklich verstehen zu können und ihn aus einer neuen Perspektive sehen zu können.

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1 Kommentar

  1. Armin Besserer sagt

    Vielen Dank für die klaren Darlegungen. Das Ziel, Offenheit und Bereitschaft für neue Erkenntnisse zu fördern, ist hilfreich. Da ich mich gerade wieder einmal mit dem Thema der Homosexualität befasse, ist für mich klar, dass auch hier eine Neueinschätzung nötig ist, da die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die exegetischen Erkenntnisse sich weiterentwickelt haben. Was dem Leben dient, ist sicher ein guter christlicher Maßstab. Mir ist immer wieder ein alttestamentliches Bibelwort hilfreich: Micha 6, 8ff „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

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